ENDLICH! DAS LIBRETTO ZUR ROSE vom LIEBESGARTEN

Die Rose vom Liebesgarten

Gesangstexte von James Grun   // Szenenanweisungen von Jürgen R. Weber

Vorspiel

Die Kinder (Teil 1) und Jungfrauen:
Eia, hileiya!  Blüten wie glänzernder Schnee.
Eia, hileiya! Blumen so blau wie der See…
Duftende holde Knospen aus Golde,
schafft uns geschwinde, holt sie herbei!

1. Jungfrau
Eia da greift nur.

2. Jungfrau
Schau dies geschwinde,

3. Jungfrau
Helfet…

1. Jungfrau:
Ist’s recht auch was ich dir finde?

Die Kinder (Teil 1) und die drei Jungfrauen:
Eia, hileiya! Mit Duften und Klingen
Vögel und Blumen auf Eile ja dringen!
Rasten noch ruhen hier länger zu Haus?
Möchten schon gern in die Ferne hinaus!
Eia, hileiya! Sie geben Geleit,
wandert der Lenz in die Welten weit.
Nimmer doch bräche der Lenz wohl hervor
öffneten froh nicht und frei wir das Tor!

Die Kinder (Teil 1) und die drei Jungfrauen:
Eilen und binden wir, Flechten und winden wir
lachende Kränze und duftenden Strauss!
Vögelein rufen: Geschwinde, geschwinde!
Bestellt ihm das Haus,
Ihr Frühlingskinde! Öffnet das Tor der Lenz…der Lenz…der Lenz will heraus!

Beim 3. Male „Lenz“ zelebrieren die Kinder und Jungfrauen gestisch das Frühlingssymbol, die mit zwei Händen angedeutete aufgehende Sonne.

Aus dem OFF hören wir nun eine zweite Gruppe von Kindern.

Die Kinder (Teil 2):
Hilleia, hillei! Hilleia hillai! Zum Frühlingsfeste! Zum Frühlingsfeste!
Herbei! Herbei!  Rüste und schmücke sich jeder aufs Beste!
Alles erglänze festlich und froh zu der Frühlingsweih!
Zum Friedensfeste, zum Frühlingsfeste, Herbei ! herbei!

Der Waffenmeister (An der Schulter zusammengewachsen mit dem Sangesmeister), in der Uniform der höheren Technokraten (Gestreift, gepunktet blau/rot/gold, Kappe mit drei langen Schläuchen ) wird vom Kinderchor, (Teil 2), herein gezerrt. Der  Schatten (Primo Ballerino $ bleibt in der Nähe vom Waffenmeister/Sangesmeister und kommentiert/verdoppelt dessen Aussagen tänzerisch/komödiantisch: Dabei wird er aber von allen anderen nicht wahrgenommen. Keiner sieht ihn.

Die Kinder (Teil 2) und die drei Jungfrauen:
Helft uns ihr Knaben ! Kränze und Ketten fein, die wir gewannen.

Die Kinder (Alle) und die drei Jungfrauen:
Sollen uns Nacken und Haupt ja umspannen! Hilleia hillei! Herbei, herbei!

Waffenmeister :
Nun haltet Frieden, ihr lieben Kinder…

Die Waffenmeister/ Sangesmeister-Einheit dreht sich, sodass der Sangesmeister dem Publikum zugewandt ist. Auch er  in der Uniform der höheren Technokraten.

Sangesmeister:
Und was ihr euch wünscht, das wird gewährt!
Heut wird ja der ganzen Welt beschert-
Doch sammelt euch drüben und haltet hübsch Ruh:
Ihr wisst, es geht dem Tempel zu!

Waffenmeister :
Auf! Blast gewaltig! Das Zeichen muss schallen,
dass donnernd Ufer und Berge hallen.

Die Fanfarenbläser wachen auf und blasen in ihre Instrumente.

Waffenmeister :
Des Liebesgartens Völker zur Stund, schafft hier herbei auf den Blumengrund!
Soll heut noch der Lenz auf die Minnefahrt reiten,
zum Fest der Huldigung müssen wir schreiten – Blast! –

Die Fanfarenbläser blasen abermals in ihre Instrumente.

Auftritt des Paradiesvolkes. Auftritt durch die beiden rechten Türen. Dazu Solo des SCHATTENS.(aber nur bis zu Siegnots Auftritt).  Alle Alle senken ehrerbietig den Kopf, vor der  „heiligen Kiste“  und umrunden sie mit gesenktem Kopf. Auf jeden Fall haben alle Paradiesbewohner eine schlappe und ermüdete Körpersprache. Sie bleiben im hinteren Teil der Bühne stehen. Wenn im Orchester das „Winterwächtermotiv“ erklingt, tritt der Hausmeister auf und putzt.

Waffenmeister :
Wir bieten Gruß, ihr starken Helde,

Zohangruß.

Waffenmeister :
Wir grüßen euch viel- holde Fraun!

Frauengruß.

Paradiesvolk :
Wir bieten Dank! Den Meistern Dank und Heil!

Waffenmeister :
Der Mahnruf klang! – Er rief in Eil
Euch Volk der Edlen, hier zur Stelle! Auch von des Reiches Tor und Schwelle
Rief er den Winterwächter her!

Alle machen das Zeichen des Winterwächters: Rechte Hand vor die Augen und das Vulkanierzeichen (quer, Handfläche nach außen). Durch den Schlitz schaudern schauen.

Waffenmeister :
Dorthin nun, wo aus heilger Welle des Tempels Bau sich frei erhebt,
Dorthin sei unser Fuß bestrebt !
Geordnet, festlich lasst uns schreiten, Das jährlich Fest neu zu bereiten
Dem königlichen Spross der Sonne, Durch den in ew’ger Kraft und Wonne,
Hier blühn der Seligen Gestade!

Sangesmeister
Und minnen wir am goldnen Thron der Gnade
Bei ihr, die keusch das Licht der Welt gebar;
Dass weit das Tor der Welt aufspringe,
Mit Jugend-Kraft das All durchdringe
Und frisch erblüh,  was tot und traurig war!

Während der folgenden Chorpassage trippeln Sanges/Waffenmeister nach rechts wo der Hausmeister ihnen einen Becher gibt, so dass sie ihre Kehlen etwas anfeuchten können.

Paradiesbewohner:
Die wir in sonnigstem Entzücken
Den Quell des Lichtes dürfen schaun,
Wir bauen gern die goldnen Brücken
Dem Land, wo Tod und Todesgraun.

Wieder das Winterwächterzeichen.

Der Waffenmeister:
Geschlossen ist das Wintertor,
Durch das zu uns weltmüde Wandrer dringen!
Und er, des Tores Hüter wert,
der streng gerichtet, wer ins freie Leben
Hier eingehen durft‘ – er kommt, sein schneidend Schwert
Zu legen nieder in des Tempels Hut! –
Drum wisst ihr: heut noch wird erkoren ein Frühlingswächter hier erneut.
Da prüf sich jeder kühne Kämpe!
– Weiss keiner, wem das Amt sich beut!

Die Kandidaten: (Männerchor)
Wir stehen bereit wie’s Heldenpflicht!
Des Lichtes flammendes Gericht
Wir bieten uns und zagen nicht!

Während dieser Passage drehen sich Waffen/Sangesmeister vor die magische Kiste um den Auszug zu organisieren.

Der Waffenmeister:
So recht! So will’s das heil’ge Licht!
Doch nun – der Worte sind genug –
Beginnt der Ausmarsch! Ordnet den Zug!

Der Sangesmeister:
Zuerst die Kindlein zart und fein! Gesell und Jungfrau hinterdrein.
Dann folgen Recken und edele Frauen Voran die Bläser! So lässt sich’s schaun!

Der Sangesmeister:
Und nun stimmt an den Kinderlobgesang!

Der Waffenmeister:
Trompeten dazu! Gebt guten Klang!

Die Fanfarenbläser blasen mal wieder. Während des Kinderchores, Abgang des anderen Chores auf der linken Seite.

Kinder und die drei Jungfrauen:
König ohne Schwert und Brünne,
Herrscht das liebe Sonnenkind.
Seine Mutter heißt Frau Minne,
der wir all zu eigen sind.-
Siegend über Näh und Ferne
Dringt der lieben Sonne Strahl,
Doch der Königin sich neigen
Goldne Sternlein ohne Zahl.-
Selig spielen wir und singen
Auf der bunten Frühlingsau;
Ob dem süßen Reich der Minne
Wacht ja unsere liebe Frau! – –

*    *    *

Ballett der putzenden Technokraten: Alle haben Besen dabei und säubern die Bühne, entfernen die Decken von den Hasen etc. Der Hausmeister kann nicht so gut tanzen und versteckt sich im rechten Vordergrunde. Er macht eine Pause. Der Schatten gesellt sich zu dem faulen Technokraten und umtanzt ihn fasziniert. Der faule Technokrat kann den Schatten nicht sehen. Die anderen Technokraten, (bis auf eine Technokratin), verlassen die Bühne.
Der Hausmeister bleibt mit einer Technokratin zurück und begrabscht sie, als sie einen Fleck auf dem Fußboden wegwischen will. Sie tritt ihm auf die Nase, worauf er zurücktaumelt und bei der heiligen Kiste zu liegen kommt. Die weibliche Technokratin verlässt genervt den Raum. Als sich der faule Technokrat aufrappelt, verfängt er sich in dem Laken, das über der heiligen Kiste häng.
Bei Klavierauszug  S.36 Takt 25: Das Laken fällt zu Boden. Der faule Technokrat sieht neugierig auf die Kiste. Er erspäht eine Ritze und lugt neugierig in die Kiste hinein. Sein Nasenrüssel bleibt hängen. Die Maske rutscht ihm vom Gesicht. Langsam öffnen sich zwei der Wände wie bei einem mittelalterlichen Altarbild und geben den Blick auf die Imperatrix (Zwittergöttin)frei. Sie hat ein heiliges Gewand an und ist ein Zwitterwesen: Ein Mann und eine Frau, die am Rücken zusammengewachsen sind.

Siegnot:
Dir, der Unberührbaren,
Die nur anzuschaun
Kaum des Mannes Blick erträgt,
Blind vor selgem Graun,
Dir, der unergründbaren Frau’n,
Wag‘ ich keusch geheimen Wunsch
Fraglos zu vertraun!
Bitt für mich Sonnenkind,
Bei der Köngin blütenlind,
Dass ich, kühn im Dienst der Minne
Heilgen Minnesold gewinne!
Gib , dass siegend ich ersteh‘
– Sei’s durch Not und Todesweh!

Die zwitterartige Imperatrix sieht den Schatten$. Winkt ihn zu sich heran. Pas de deux §(trois). Sie berührt seine Stirn. Es ist für den Schatten ein unglaublicher Augenblick. Dann gibt sie Siegnot die Brust. Beim FF taumelt er in den Bühnenvordergrund und erbricht sich in den Orchestergraben.  Auch der Schatten scheint zusammenzubrechen.

Der Waffenmeister/Sangesmeister betritt wieder die Bühne.  Jeweils 2 Edelinge bringen die heilige Kanone, die heilige Fackel, das heilige Schwert und die heilige Krone. Das Frühlingswunder wird vorbereitet. Von verschiedenen Seiten werden die Verteilerstationen geholt, durch die später das Lebenselixier fließt. Sie übergeben schließlich den Paradiesbewohnern die heiligen Gegenstände und entfernen sich.

Waffenmeister :
Des Volkes Lieb, des Volkes Treu,
Die Blüt entsprossen tiefstem Grunde:
– Wir bieten sie in feierlichster Stunde
Als Gruß und Opfer hier aufs Neu!

Die Kandidaten :
Froh schaun wir dich, du Sonnenbraut! Soweit der Himmel lacht und blaut,
Gegrüßt sei königlich dein Kind !

Der Sangesmeister :
Du Strahlenreiche! Uns Herrscherin!

Dem Freudenopfer, o neig dich hin.
Aus reinen Kinderhänden Lenzblüten lächelnd empor;
Ihnen gönne den Strahlensegen, Der sprengt des Reiches Tor.
Oh denk der Frühlingssehnsucht da drauss, wo es öd und kalt!
Nach deinem Lichte ringt ja das All mit Schmerzensgewalt.

Die Kandidaten :
Kindlein minnen, Zauber sie spinnen,
Den Lenz zu locken vom goldnen Schrein;
Bald wird er geselle, Gespiel ihnen sein.

Waffenmeister :
Nun stehn geschmückt die Hallen,
Das Reich erglänzt in Pracht,
Daraus mit neu gebeugter Macht
die ewgen Siegeskräfte gehn,
Die jährlich durch den Weltbau wehn,
Um frisch in wunderbarem Streit
Zu ringen mit der Sterblichkeit.  –
O, Königin. Nun auch warten,
die Kämpen dein vom Garten,
Und mit viel edle Minne-Fraun.
Dein siegend Wunder neu zu schaun!
Drum lass, nach ewigen Gesetzen,
Was selber du bestimmt, geschehn!
Zu deines Sohnes Glanz und Wonne
Lass froh die Welten auferstehn!

Die  sind nun alle „verschlaucht“ und nehmen langsam Haltung an
Der Sangesmeister :
Wendet den Blick nun, senkt das Gesicht;
Minne-Geheimnis entschleiert sich nicht.
Ehret die Wunder ,- Wehn!
Wir kennens – doch können es kaum verstehn! – –

Blütenwunder

Durch die Rohre fließt das lebenspendende Elixier. Die Imperatrix tanzt um sie geheimnisvoll herum und berührt jeden der Paradiesbewohner. Die Paradiesbewohner scheinen sich  zu verjüngen. Waffenmeister :
Heil!

Kandidaten :
Heil!

Die Frauen :
O Heil – O Wonne!

Alle :
O blühender Schnee! O Sel’ge Welten! Zerronnen das Weh !
Mit Krachen und Klingen sprang weit das Tor,
Bald ziehn wir nun jauchzend und singend hervor!

Mit Jauchzen und Singen das All zu bezwingen
Im lachenden schimmernden Jubel-Chor.

Die Kandidaten:
Heil Frau Minne ! dem Kinde Heil!
Der frost’ge Winter floh in Eil!
Ein Wächter, der ihm widerstand,
Legt nun das Schwert aus müss’ger Hand!

Heil ihm, der kam vom Tor zurück!
Und Heil auch dem, der neu ernannt
Zum Hüter ob der Welten Glück!

Siegnot reißt sich sein Hemd herunter. Er blutet aus der Brust.
Der Sangesmeister:
Hör uns, o Minne, Lenzköniginne!
Dein Sehnen drängt uns so mächtig fort
Du selber sprengtest die Gnadenpfort!
Mit den Vögeln möchten fahren und reiten,
Mit deinem Kinde nun ziehn und gleiten
Fort in die Weiten –
Über Länder und Wälder und Meere hinaus!

Der Waffenmeister:
Darum oh Kön’gin, tu zur Stund‘
Den rechten Frühlingswächter kund.
– Dass nimmer feindliche Gewalt
Am Tor sich mächtig stemme,
Der Wonnen Kreislauf hemme,
Wann singend und siegend wir zogen aus.
Die blutrote Rose bricht aus Siegnots Brust hervor

Die Edlen :
Ein Zeichen, ein Zeichen! Du schenktest den Segen
Nun lenke die Wahl!
Gib uns den Wächter! Gib uns das Kind,
Auf das wir zum Wandern entlassen sind!

Der Sangesmeister :
Die Opferflamme!  Bruder schau!
Sie flackert hoch und lodert blau!
Nun neigt sich unsere liebe Frau!

Die Imperatrix bricht die Rose aus Siegnots Brust, der laut aufschreit.

Die Edlen :
Ha seht!  Die Rose! O Wonne, o Graus!
Nicht sehrt ihn die Flamme –
Frei ziehn wir hinaus!
Ihm neigt sich Frau Minne, ihm neigt sich das Kind,
willkommen du Helde!
Zu uns nun geschwind!
Dir folgt wohl der König,
Entführ uns dem Saal!
Willkommen mit Lust
Und mit Jauchzen zumal!

Der Waffenmeister :
Heil dir, blühender Heldenspross!
Des Reiches Wehr – sie ist dir anvertraut:
– Wie einst im Spiel dich unterwies der waffenkundge Meister,
So treu jetzt wahre Tor und Haus,
Dass frei der Weg bleib ein und aus.
– Hier nimm ! Und trotze Tod und Graus !

Der Waffenmeister gibt Siegnot die heilige Kanone und das heilige Schwert.

Die Edlen :
Hoch über Leben, über Tod, hebt dich der Minne Machtgebot !

Der Sangesmeister :
Nun meines Amtes walt auch ich !
Wie ich gelehrt dich edle Sitte, und holden sang in Ton und Wort,
Knie‘ nieder hier am heilgen Ort ! – –
Der du durch Not zum Siege gehst – Siegnot sei uns benannt!
So Ros‘ wie Reif hier weis der Welt dein königlich Geblüte !
Dir präg tief ins Gemüte,
dass der des Reiches bester Hüter –
Durch den, aus kühlen Todeslanden
Uns neu Geschwisterschar entstanden! –

Der Sangesmeister blickt ins Publikum

Der Sangesmeister :
Der weite Kreis der Erden muss Paradies noch werden !

Die Edlen :
Zum Minneland muss werden der weite Kreis der Erden !

Die Edlen :
Nun, Siegnot, walt auch deines Amts!
Das Kind erbitt vom goldnen Schrein
Ein lieber Gesell und Gespiel uns zu sein!

Die Imperatrix segnet die Anwesenden.
Die Edlen :
Heil dir, blühender Held !
O Lust, o Klingen,
o freudiger Braus !
Der Lenz – Der Lenz zieht hinaus!

Der Vorhang schließt.

*    *    *

Ende 1. Akt

1. Intermezzo
Die Zwei alten, blinden kommen von links und bewegen sich langsam nach rechts über die Bühne. Dabei stolpern sie über ein Bündel, das auf der Vorderbühne liegt. Es ist die Schättin. Sie gähnt. Der Schatten besieht sie interessiert. Er spürt, dass sie zu ihm passt wie Papagena zu Papageno. Sie entfleucht. Beunruhigt folgt er ihr und verschwindet.

1. Akt

Grauwelt nahe der Grenze zum Rosenreich. Der Vorhang hebt sich bald. Morgenstimmung. 9 Grauweltler, (TÄNZER, in Wirklichkeit nur 8), stehen zunächst wie in einem surrealen Gemälde starr und still und spannungslos herum. Dann beginnen sie sich zeitlupenartig  zu bewegen. Sie repetieren  in stilisierter Form Alltagsrituale: Schlafen / Essen / Scheißen / Ficken / Lesen / Playstation spielen / Flirten / Flanieren / Streiten / Trinken / aber auch Ballettübungen etc. Alles ohne Requisiten. Nur 2 Toiletten sind vorhanden. Eine sehr große und eine recht kleine. Die Grauweltler bewegen sich auf  einem qm,  bleiben also in etwa auf ihrem Platz und verlassen diesen bis zu Minneleides Auftritt nicht. Nur einer der Tänzer tanzt irgendwann aus der Reihe: Der Moormann, den wir zunächst nur von seiner rechten, unversehrten Seite  sehen. Siegnot greift sich an die Brust und lädt die heilige Kanone mit der Rose, die sich in einem Plexiglaszylinder befindet. Dann nimmt er den Raum wahr.

Siegnot:
Waldes Rauschen
Weit und wogend.
Grüner Wipfel
Schwankes Meer.
Drüber
Ziehen Wolken her
Drunten
Rufen feine Stimmen
Sonnenpfeile
Glänzen, glimmen.

Siegnot blickt in die vordere Toilette…

Siegnot:
Quelle rauschet
Im Gestein,
Vogelstimm’
Klingt mit hinein!
Zauber-Lieder
Wunderweisen
Aus den ew’gen
Minnekreisen.

Die Paare küssen sich.

Siegnot:
Ach! – wie schön ist doch die Welt!
S’ist alles so heimlich, so wohlig bestellt.

Freeze. Die Zeit steht still. Der Schatten tritt von links auf. Er sucht anscheinend immer noch die Schättin. Dann ist er aber von der Magie der Situation überwältigt und besieht sich die Grauweltler und Siegnot.  Siegnot und die Grauweltler besehen ihre Handinnenflächen. Auch der Schatten tut das. Dann greifen sich Schatten und siegnot zur Brust. Während die Tänze wieder auf ihre ursprünglichen Positionen gehen.

Siegnot:
Seltsam! – Aus den heil’gen
Pforten
Zu ersten mal tret’ ich ins
Welten-Reich
Und alles
Dünkt mich da heimatgleich!
Man sprach mir von Sturm und
Grosser Not –
Hier leuchtet’s friedlich – wie
Abendrot!

Er legt das Schwert ab.

Siegnot:
Und es flüstert und lugt und winkt nach mir
Aus dem grünen Revier,
Wo die braunen Hirschlein und Hasen
Bar aller Scheu frei grasen;
Wo plätschernd  kühle Wasser gehn,
Und selbst die Fröschlein im dunklen Moor
Heben die Köpflein
Und hüpfen hervor
Zu starren mich an aus dem schwanken Rohr,
Mich anzuquarren
Im traulichen Chor.
Wie soll ich das mir deuten?

Grauweltler, Siegnot und Der Schatten in gemeinsamer großer Geste. Der Dreiohrhasengeste. #

Siegnot:
Mich dünkt: Der Minne Wunderland
Hält Erd’ und Himmel weit umspannt,
Darum, wo auch schimmert der Sonne Strahl
Grüsst es so heimisch aus Höh und Tal!

Der Moormann:
á
Schön – schön
Da
Will ich gehn!

Siegnot:
Stammelnd und quarrend?
Ein borstiges Fell?
Plattfüsse? Und Pfoten?
Wer bist du denn, wilder Gesell’?

Sag’, weißt du woher du kamst zu Stell’?

Der Moormann:
Dort – aus dem Moor
Kam ich vor.
Da – will ich ein! Aa!

Siegnot:
Halt! – So leicht gehts nimmer sich ein
Zum Paradies! – Melde nun fein:
Erkennst du den golden-hellschimernden Schein?
Ahnst du, wer dort in der Herrlichkeit thront?
Weißt du, wo Minne leidlos wohnt?

Siegnot entsichert seine Waffe und richtet sie auf  den Moormann.

Der Moormann:
Minneleide – ?
Unten – dort – am Quellen-Stein
Tanzt sie – bei Mondenschein?

Siegnot:
Ha, ha, ha, ha!
Troll’ dich, Schwarzer, flugs in das Moor!
Hier oben hast du kein Glück,
Dort quäckt mit den Fröschen
Da hüpf ihnen vor;
In den Wald nun hurtig zurück!

Der Moormann
A – ich bleib’ – bei dir!

Siegnot:
Was nun?

Der Moormann:
Nicht fort!
Ich bleibe bei Dir!

Siegnot:
Was willst du, Schwarzer, denn hier?

Der Moormann:
Du bist – so schön!
Nun bin ich Dir – Knecht!
Will immer
Mit dir gehn!
à!

Siegnot:
Sei’s drum! – Wenns dich aus sumpf’ger Gruft
Es drängt in die freie Höhen-Luft
Will’s nimmer dir verwehren!
Nun aber merk’: das Paradies
Ist nicht für dich im rauhen Vließ!
Drum halt dich abseits,
Still verharr’!
Nicht stör mit Hüpfen und Gequarr!
Dann magst du hier oben bleiben,
Will nimmer weg dich treiben!

Siegnot:
Sag’, Schwarzer – hausen im wilden –wad
Der rauhen Geschwister noch viele?

Der Moormann:
Winterlang
Schlaf’ ich im tiefen Moor.
Bin allein
Weckt mch warm
Lenz und Sonnenschein.

Siegnot:
Doch sprachst du vom Quell’ von der Höhle am Stein –
Wer schwingt sich im Reigen bei Mondenschein?

Der Moormann:
Moosweibchen schlank
Waldmänner wild
Die kommen aus Kraut und Zweigen
Der Kön’gin sich zu neigen!

Siegnot:
Der Kön’gin? – – Welcher Königin?

Der Moormann:
Minne – leide –

Siegnot:
Minneleide!
Nie kam mir Kunde von ihr zuvor!
Wie Zauberklang umwebt’s mein Ohr
Wer ist sie?

Der Moorman:
Die Elfenfrau – vom Bronnenstein!
Ihr roter Mund
Ihrer Augen Schein
Lächelnd locken die Groß und Klein!
Aus dem hohlen Berg
Der Ries’ und Zwerg
Zwängten sie mit sich fort,
Scheuten sie nicht
Den Wächter an hoher Pfort!

Siegnot:
Mondenschimmer und Wundermär
Die wecken im Herze mir süß Beschwer –
Der Wunder – gibt es noch mehr?

*    *    *

1.Akt  2.Szene    „Minneleide goes Broadway“

Der Schatten, Siegnot, der Moormann, Minneleide, 9 Grauweltler

Klavierauszug Seite 105 Takt 01 bis Seite 110 Takt 07

Requisiten:

Besonderes:
Für Minneleides diverse Verwandlungen müssen unbedingt Probeversionen, der Kleider, des Mantels und der Perücken vorhanden sein.

Hinter der großen Toilette kommt Minneleide hervor. Augenblicklich reagieren die Grauweltler und bewegen sich wie gebannt zu Minneleides Lied. Sie heben Minneleide auf den Toilettendeckel, sodass sie nun von dort aus singt. Sie trägt Pelzmantel und mondäne Sonnenbrille und bewegt sich wie Mae West: Aufreizend/selbstbewusst.

Minneleide:
Minneleide ruft! Hörst du es, Nacht?
Minneleide, die lachende Welle.
Ihre silberne Harfe, die rauscht mit Macht,
Läd’t die Gespielen zur Stelle.
Jauchzet Erglühen! Und Haschen und Fliehen
Auf schimmernder Mondlichtaue,
Rauschende Lieder
Und blühende Glieder,
So locket die Elfenfraue!

Minneleide lässt den Pelzmantel fallen und hat darunter ein Schulmädchenkostüm an. Sie „spielt“ sehr klar die Lolita und macht sich auf der Bühne die Haarbänder für die Schulmädchenfrisur rein. „Offene Verwandlung“

Minneleide:
Minneleide ruft! In funkelnder Pracht
Schlägt sie die Harfe zum Tanze.
Waldweibchen und Männer aus waldiger Nacht
Sind trunken vor Lust und vor Glanze.
Jauchzet Erglühen! Und Haschen und Fliehen
Auf schimmernder Mondlichtaue,
Rauschende Lieder
Und blühende Glieder,
So locket die Elfenfraue!

Minneleide springt vom Toilettendeckel in die Arme der Grauweltler, die sie auffangen. Dann geht sie bis an die Rampe und singt Operette. Die Grauweltler geben einen skurrilen, (aber nicht zu ablenkenden), Cancan. Siegnot ist interessiert.

Minneleide ruft! Sie locket zur Lust
Sie ladet zu brünstigem Neigen
Zu schwebenden Kreisen, Brust gegen Brust!
Zum küssen und – seligem Schweigen.
Lachend erglühen! Und Haschen und Fliehen
Auf schimmernder Mondlichtaue
Rauschende Lieder und blühende Glieder
So locket die Elfenfraue!

*    *    *

1.Akt  3.Szene    „Pirouettenwahnsinn“

Der Schatten, Die Schättin, Siegnot, der Moormann, Minneleide, Schwarzhilde, Rotelse, 9 Grauweltler

Klavierauszug Seite 110 Takt 08 bis Seite 127 Takt 23

Requisiten:
Wie oben + Zwei Koffer für Schwarzhilde und Rotelse.
Schmuck für Minneleide.

Allgemeiner Tanz.Schwarzhilde und Rotelse kommen mit Koffern aus den linken Fenstern.  Sie assistieren Minneleide, die sich hinter einer menschlichen Wand aus Grauweltlern umzieht. Die anderen Grauweltler tanzen derweil einen  zombiehaften Walzer.  Wie schlafend rauschen die Paare standardtanzmäßig über die Bühne dabei wackeln aber die Köpfe nach vorne und hinten, als ob sie nicht bei Bewusstsein sind.

Schwarzhilde und Rotelse:
Sommerherrin,
lachende Welle,
wogender Freuden
wonnige Quelle!
Alle wir neigen uns
Dir so gern,
Alle trauerten
Weiltest du fern.

Rotelse:
Siehe, wir bringen dir
Schimmernde Gaben,

Schwarzhilde:
Gold und Demanten
Doch, Hohe, zu laben!

Beide:
Raubten sie fliehend
Vom Horte der Zwerge,
Grollte der Herr auch
Der finsteren Berge.

Hier hebt sich für einen Moment der Toilettendeckel. Jemand lugt heraus.

Schwarzhilde:
Mögest dich schmücken nun
Herrin Minneleide
Schau das Geschmeide!
Wolle auch weiter uns
Wonne verleih’n:
Tänze und Spiele und
Minne-Verein!

Allgemeine Walzerseligkeit.

Beide:
Herrin der Wonne!
Woll’ uns erneu’n
Tänze und Spiele und Minne-Verein!

Nun hat Minneleide ihr drittes Kostüm an. Federwahnsinn. Moulin Rouge. Schwarzhilde und Rotelse helfen bei den letzten Arrangements. Von der linken vorderen Bühne kommt (die Schättin $).

Minneleide:
Schmückt mich, Gespiele! Was Ihr nur wollt
Gönnt Euch die Elfe ja gern zum Sold!
Auf, und erhebet Euch! Harfe soll klingen
Bis der Morgen erwacht und die Saiten springen!

Der Tanz wird wilder und ekstatischer.

Schwarzhilde und Rotelse:
Heil der Herrin! In schimmernder Pracht
Führt sie uns Frohen zum Tanze;
Nun hütet Euch, Weibchen, in waldiger Nacht
Waldmänner sind trunken vor Glanze.

Minneleide:
Heia! Nun rausche ein mächtiger Sang!
Wie schnell da gehet das Tanzen!
Ein Wiegen und Wallen, so wonnig und bang,
Gar schnell da gehet das Tanzen!
Heia, die Weise! Sie wecket die Lust,
Das Tanzen, wie geht es so schnelle!
Wie pocht das Herz in der sehnenden Brust
Und das Tanzen gehet so schnelle!
Sie Elfe, die lugt aus dem waldigen Grund:
Wann kommst du, lieber Geselle?
So rufet und lockt ihr rosiger Mund
O kämst du doch, lieber Geselle!
Und das Tanzen gehet so schnelle
Und das Tanzen gehet so schnelle
Und schneller und schneller – Heia – Ha!

Pirouettenwahnsinn.. Das Ballett und die Schättin geben alles. Minneleide bleibt im Zentrum. Sie ist wie die Sonne um die sich alles dreht. Eine Geste von ihr und alle reagieren.

*    *    *

1.Akt  4.Szene    „Siegnot und Minneleide“

Der Schatten, Siegnot, der Moormann, Minneleide, Schwarzhilde, Rotelse, 9 Grauweltler, (Nachtwunderer)

Klavierauszug Seite 128 Takt 01 bis Seite 166 Takt 01

Requisiten:
Wie oben +
Ein Korb am Seil  mit drei Knarren: (Eine Automatikpistole, ein Revolver, eine altertümliche Steinschlosspistole). Für den Nachtwunderer.

Ein Medaillon für Minneleide. (Wird von Siegnot abgerissen.

Besonderes:
Fahrendes, flackerndes Licht a la „Begegnung der dritten Art“ und Nebel hinter den Vorhängen

Siegnot:
Du Elfenfraue!

Minneleide:
Wer ruft?

Siegnot:
Des Berges blühender Hüter.
Treulich halt er hier Wacht.
Dir Freundlichen tauschte der Einsame gern
Kunde von Wonnen und Wundern!

Minneleide:
Einsam wärst du?
Seh’ ich nicht dort
Des Moores haarigen Hüpfer?
Kannst du nicht tauschen mit dem
Wonnigen Wechselgesang?

Siegnot:
Süß wohl erklang mir dein Harfenschlag!
Nun lieblicher dünkt mich dein Lachen!

Minneleide:
Schein ich so hold dir, Hüter,
Vor mir, was hütest du dich?
Was steigst du nicht kühnlich hinab?

Siegnot:
Wache halt’ ich! – Zur halben Höh’
O kämst du hinauf doch zu mir!

Minneleide:
Muss ich?
Nun wohl – ich komme.

Minneleide erklimmt die Stufen zum Rosengarten. Währenddessen kommt der Nachtwunderer unauffällig aus der großen Toilette.

Minneleide:
Sag Wächter! dünk’ ich dich noch so hold?
Ein Helde scheinst du mir stark und wert.
So hell auch glänzen dir Augen und Schwert!

Siegnot:
Schau ich dich, Blume der Nacht, nur an
Fasst mich ein Sehnen und Bangen
Geheimnishehr wie die Sternenpracht,
Nimmst mir das Herz gefangen!

Minneleide:
Minneleide heiss ich;
Wie soll ich doch, Wächter, dich nennen?

Siegnot:
Siegnot mein Nam’! Ein Meisterheld
Gab mir den mit auf den Weg,
Da aus Frühlingslanden ich schied,
Lenzhüter hier zu werden.

Minneleide:
Mich nannten die Vöglein; – “Minnleide, erwach!”
So rufen sie lustig im Lenz,
Wann die Quellen springen und klingen;
Doch im Herbst – “Minneleide, nun schlafe!”
Traurig tönt dann ihr Lied;
Sie ziehen wohl fort, wo es leuchtet und blüht,
Minneleide muss immer hier bleiben!

Siegnot:
Und möchtest du fort? In Lande,
Wo ewig die Blumen blühn?
Und hoch am blauen Himmel her
Die weißen Schwäne ziehn?
Wo nimmer verstummen die Quellen
In frostiger Wintersnot?
Wo in sommerlich ewiges Leben glüht
Und niemals einkehrt der Tod?
Dann lausche, jungfräulich Kinde
Trau’ du meiner Wundermär:
Ich will dich führen nach Frühlingsland,
Schaust nimmer die Heimat mehr!

Minneleide:
Und sahst du die sonnigen Lande?

Siegnot:
Ja, Kind!

Minneleide:
Wohl weit von hier?

Siegnot:
Dort stehn ihre heil’ge Pforten!

Minneleide:
Dort oben? – So nahe bei mir?
Nun lebt’ ich hier schon tausend Jahr’,
Und wurd’ es doch nimmer gewahr!

Siegnot:
Und sahst du die Sterne nicht tausend Jahr
Leuchtend am Himmel stehn?
Und hast ihr Geheimnis doch nimmer erschaut
Wie sie da kommen und gehn.
So konntest du kennen auch nimmer das Land,
Wo die klaren Himmelsaun,
Bis ein Sonnenkind die Kunde gebracht
In Minne und Minnevertraun!

Minneleide:
Ach mir bracht niemand Kunde!
Kein Held sprach je zu mir!
Wohl sah ich dort glänzende Männer stehn
Und lachende Kinder kommen und gehn;

Minneleide:
Doch wußt ich nur das Eine:
Vor ihrem leuchtenden Scheine
Müsst’ fliehn der finst’re
Riese der Nacht,
Der die Zwerge zwängt,
In des Berges Schacht,
Und der auch mich wollt’ zwingen,
Könnt ihm das nur gelingen!

Siegnot:
Einsam wärst du und ganz allein?
Wo weilt dein Vater, dein Mütterlein?

Der Nachtwunderer kommt aus dem großen Klo. Er hat einen Korb mit Knarren dabei.

Minneleide:
Es schlief die Erde in Wintersgewalt,
Die blühende lag gefangen,
Da träumt’ mir so schwer in der Mutter Schoss:
Ich könnt nicht ans Licht gelangen!
Nicht gern’ drum weil ich im Mutterhaus;
Es drängt mich zum Lenz und zum Leben hinaus,
Hör ich erst Frühlingsboten schreiten
Über Wälder und Berge fahren und reiten,
Dann sing’ ich hier draußen mein lustiges Lied,
Das rauschet wie Quellen-Gewühle!
Doch im Herzen die Sehnsucht brennt und glüht
“Wo fänd ich ein Königs-Gespiele!”
Nicht mag ich die wilden Männer im Wald
Mit braunem Fell und mit Tiergestalt!
Ach keinen hat Minneleide für sich.
Nicht Freund noch Bruder – nur

Minneleide:
Dich – nur

Minneleide und Siegnot:
Dich!
Liebste!

Hier tanzen alle zusammen ein amouröses Pas de quatre.

Siegnot:
Du Schönste! – Nun bist du mein – ganz mein!
Will dir Vater und Mutter – und Liebster sein!

Minneleide:
Wie süß – erblühet die Rose rot!
Vor ihrem Dufte – da weicht die Not!
Minneleide vergisst ihres Leides.

Minneleides Schatten riecht an der Rose die Siegnots Schatten am Revers hat.

Minneleide:
Golden-helle
Kühl und schwer,
Wie blitzt deine Krone!
Wo nahmst du sie her?

Siegnot:
Frau Minne gab Wonne der weiten Welt,
Da wurd’ ich zum Schwert und zur Rose gesellt:
Wohin du mir folgst, in dem sonnigen Land
Sind Perlen und Gold wie kindischer Tand!

Während Minneleide mit Siegnot spielt kommt der Nachtwunderer heran. Sein Puppenkopf küsst die Grauweltler auf den Scheitel.

Minneleide:
Gib mir das Gold!
Schein’ ich dir lieblich
Und bist du mir hold:
So schmücke mich, trautester Held!

Siegnot:
Du sollst vor Glanz und vor Wonne erbeben!
Ich will dir die Sterne vom Himmel geben!
Dich schmück’ ich mit Schätzen, die nimmer verglühn.
In Ewigkeit sollst du strahlen und blühn!

Minneleide zwischen Siegnots Beinen.

Der Nachtwunderer greift sich das von Siegnot abgelegte Schwert.

Minneleide:
Bekomm’ ich das alles?
Und darf dort gehn,
Wo ich leuchtende Männer
Und Kinder gesehn?
Soll ich gleich hinein
In den Glanz und Schein?

Siegnot flieht.

Siegnot:
Schau hin! Die Frühlingspforten!
Das ist des Lebens Haus!
Hier dürfen die Minnebeglückten
Wallen so ein wie aus.
Gen Norden – hinter den Bergen
Das glitzert ein winterlich Tor;
Mit nacktem Todes-Schwerte
Wacht streng ein Greis davor.

Siegnot macht das Winterwächterzeichen.

Der Nachtwunderer verteilt die Knarren an die von ihm „umgedrehten Grauweltler“.

Siegnot:
Doch innen sind himmlische Wonnen,
Wie alle Welt sie begehrt;
Da thronet die Frühlingsmutter,
Die alle Gnaden gewährt.
Ihre Kämpen stürmen die Welten
Und künden ihr sonniges Reich
Und ringen mit Tod und Winter,
Bis die Erde dem Himmel gleich.
Zu ihr, zu der Sterngekrönten
Entsende’ ich, Geliebte, nun dich!
Der Seligen blühende Scharen
Empfangen dich königlich.
Da sollst du dein Leid vergessen
Von Winters nächtlicher Not,
Ich weih’ dich dem Licht’ der Sonne!
So lautet das Minne-Gebot.
Und wie ich dich weih’ der Minne,
Nimm auch ihre heilige Gab’;
Mein Herz und die rote Rose,
All’ was ich nur bin und hab!

Siegnot gibt Minneleide kniend die Rose. Der Schatten gibt Minneleides Schatten ebenfalls die Rose.

Siegnot:
Geliebte, komm’!

Der Vorhang hebt sich wiederum langsam. Helles, wanderndes Licht fällt auf Minneleide und blendet sie.

Siegnot:
Schau! Wie der Garten entgegen uns glüht!
Wie er mächtig leuchtet und flammend sprüht!

Minneleide:
O Wonne! O Glanz!
Ich trage es nicht!
Das Licht!
Mich blendet das Licht!

Siegnot:
Fass’ meine Hand!
Ich führ dich hinein!
Nur draußen hier spürst du Pein!

Minneleide:
Siegnot!

Siegnot reißt  Minneleide das Medaillon ab und wirft es fort.

Siegnot:
Nun ab mit dem Tand
Um Nacken, um Hand!
Sonst frisst ihn
Der flammende Schein!

Minneleide:
Warum?

Siegnot:
Nicht lauter ist, nicht rein,
Was kam aus der Zwerge
Nächt’gem Schacht!
Es muss zergehen
Vor der Sonnenpracht!

Minneleide:
Doch drinnen – werd’ ich da nicht geschmückt?

Siegnot:
Mit dem ewigen Frühling wirst du beglückt.

Minneleide:
Waldkönigin darf ich auch dorten sein?

Siegnot:
Nicht gibt es da Knechte!
Es herrscht allein
Frau Minne! – O Liebste! Nun komm hinein!

Minneleide:
Siegnot! O schau!
Das Tier! Das Tier!

Minneleide sieht auf einmal den Schatten. Siegnot ist verwirrt.

Siegnot:
Der Leu ist unser Freund! Vertraust du nicht mir?

Minneleide:
Ach ja! Aber fort!
Nicht hinein! Nicht hinein!

Siegnot:
Du tör’ges Kind, du flüchtest zur Pein!

Minneleide:
O lass mich! O bitte!

Siegnot:
Minneleide!
Jetzt oder nie! – Entscheide:
Willst du zum Lenz und zu Herrlichkeit ein?

Minneleide:
Ich weiß ja nicht!

Siegnot:
Entscheide!

Minneleide:
Später, ach später!

Siegnot:
Jetzt oder nie!

Minneleide:
Angst – wie hab’ ich Angst.

Siegnot:
O Weib!
Gab’ ich nicht mehr dir wie Leben und Leib?
Dich krönte ich kühn mit dem Gottespfand:
Dass sicher du gingst an der Liebe Hand!
Nun selber dir kies’ dein Los! – Nun sprich!

Minneleide:
Nicht oben hinein!
Zurück, nur zurück!

Siegnot:
Himmel und Erde bezeugt! Nicht ich
Verschloss ihr Wonne und Glück!
Sie selber wandt’ sich vom Licht!
Zieh’ hin dann, ich halte dich nicht!

*    *    *

1.Akt  5.Szene    „Der Überfall“

Der Schatten, Siegnot, der Moormann, Minneleide, Schwarzhilde, Rotelse, 9 Grauweltler, (Nachtwunderer)

Klavierauszug Seite 166 Takt 02 bis Seite 174 Takt 11

Requisiten:
Wie oben.
Besonderes:
Schießerei. Drei Grauweltler schießen auf Siegnot. Er schießt mit der heiligen Kanone auf sie.  4 Treffer am Bühnenbild.

Der Nachtwunderer:
Fass mir das Weib!
Haut zu! Mordet das Diebsgeschmeiß!

Einige Grauweltler, die nun voll unter dem Einfluss des Nachtwunderers stehen, fassen Minneleide und die Rotelse und  Schwarzhilde. Die anderen liefern sich mit Siegnot einen wüsten Kampf.
Minneleide:
Hilfe! Siegnot, Hilfe!

Siegnot:
Weh’ dir Knecht!

Der Wunderer:
Wahr’ dich, Wächter
Deine Zeit ging um!
Nun siegen Söhne der Nacht!

Minneleide:
Hilfe!    Hilfe!

Siegnot:
Minneleide

Der Nachtwunderer:
Vom Rumpfe
Schlagt ihm das Haupt!

Siegnot:
Stirb, Schächer!
Fahr’ du nun heim!

Der Wunderer:
Ho! ho! ho!
Drauf, ihre Schelme!
Hurtig! Hurtig!
Stoßt! Stoßt zu!
So recht!

Der Nachtwanderer durchbohrt Siegnot mit dessen Schwert.

Siegnot:
… Weh!

Der Wunderer:
Nichts mehr nun hütet der Hüter!
Nehmt ihm die Waffen!
Das Aas
Bleibe den Wölfen zum Fraß!
Nun fort! In die Berge!
Hinab in die Nacht!
Bergt sicher die Beute!
Ich folg’, habt Acht!

Der Moormann:
Ä-h! Ä-h!
Du – Schöner!
Schläfst du Winterschlaf?

Der Moormann:
A-h! – A-h!

Siegnot:
O Wahn! – – O Wunden – –
O Sehnen!
Verloren Kron’ und Paradies!

Er findet das Medaillon und hängt es sich um.

Siegnot:
Verloren, der alles ich gab und liess!
Nun – folg’ ich – meiner Rose rot
Bis in den kühlen – Tod. –
Fort!

Ende des 1. Aktes

2. Akt

2. Akt  1.Szene    „Ein Besuch in der Unterwelt“

Siegnot, der Moormann, Die Wollust (Komparse)

Klavierauszug Seite 175 Takt 1 bis Seite 183 Takt 11

Requisiten:
Medaillon, präpariertes Stück Holz,

Besonderes:
Für die Proben braucht die „Wollust“ den Hüpfball und die dazu passenden Gurte.

Siegnot und der Moormann kommen aus der Oberwelt hinunter und umwandern das Felsmassiv. Die Wollust steht zunächst reglos am vorderen rechten Bühnenportal.

Der Moormann:
Da!
Wundrers nächtger Schacht!
Das Wasser – das wies – den Weg!
Dort sinkt es – zum tiefsten Grund.
Ich – fürchte mich hier!
Nicht weiter! A-h!

Siegnot:
So lauf denn guter Gesell!
Im fernen Wald
Lebe du friedlich und froh!
Durch schwarze Klüfte
Schlüpfrige Pfade
Lenktest mir sorgend den Schritt!
Wo Freiere fehlten
Hieltest du, Knecht die Treu!
Drum wisse: nie plagt
Berg-König dich mehr!
Auch Siegnot
Siehst du nicht wieder

Auf das Signal des „Stierhorns“ von der Seitenbühne bewegt sich die Wollust etwas .

Der Moormann:
A-h! A-h!

Der Moormann verschwindet wieder nach oben. Siegnot, erkundet das Gelände.

Siegnot:
Nacht! Und glimmernder Graus!
Wundrers Heim und Haus!
Lauernden Hasses
Wüst-verwunschnes Reich – –
Wie ist mir sterbenswund!
Kalt und schwer
Schweigt das Herz.
Mit rotem Mund
Klagen die Wunden.
Nach Luft
Langsam ringt die Brust
Doch, – lastende Enge,
Gähnendes Grab,
Dir biet’ ich Mannes Trotz!
Büß’ ich hier erst
Mit Leben und Leib,
Die Ros’ dir entreiß ich,
Entsühne das Weib!
Dann wahr’ dich, nächtiges Reich!
Zerbersten muss
Deine starre Pracht –
In Schutt und Trümmer
Dein Haus zerkracht!
Rächend zerschellt es
Des Lichtes Macht!
Dann weh’ dir Wunderer! Weh’! –
Weh’, Siegnot, auch dir!
Verloren Kron’ und Paradies,
Verloren, der ales ich gab und liess;
O Qual! O Sehnen!
Zwangmächtger Trieb:
Unfreie fassen
In göttliche Lieb’!
O Minne! Minne! Minne!
Warum verrietest du mich?

Siegnot sinkt am linken vorderen Portal nieder.

*    *    *

2. Akt  „2.Szene    „Die sieben Todsünden“

Siegnot, Minneleide, Schwarzhilde, Rotelse, Vier Grauweltler, Die Wollust und die anderen sechs Todsünden (Komparsen)

Klavierauszug Seite 183 Takt 12 bis Seite 194  Takt 12

Requisiten:
3 Knarren für die Grauweltler.

Besonderes:

Schwarzhilde und Rotelse kommen mit Minneleide auf die Bühne. Sie werden von 2  „umgedrehten“  Grauweltlern mit modernen Tanzbewegungen belästigt. Schwarzhilde und Rotelse haben goldene Hundehalsbänder an.

Schwarzhilde:
Herrin!

Rotelse:
Minneleide!

Minneleide:
Lasst ab! – Zurück!
Bin ich gefangen
Doch hab’ ich noch Macht!
Eurem Herren meldet:
Ich wollt’ ihn empfahn,
Zur Seite ihm sitzen
Beim festlichen Mahl!
Ihr hört’s! – Drum rasch
Herab mit den Ketten zur Stell’!
Auf Wunderers Wunsch
Mich Holde schmücken die Frau’n!
Heran!
Aus den Augen mir weg! –
Eklige Knechte, – weg!

Zwei Grauweltler gehen zur linken Bühnenecke, sehen aber Siegnot nicht. Dann steigen sie die Leiter hinauf, sodass an eine Flucht nicht zu denken ist.  Ein anderer klettert die rechte Leiter hinauf. Der Vierte geht in den Hintergrund ab.

Schwarzhilde:
Es ist so dunkel!

Rotelse:
Mir ist so kalt!

Schwarzhilde:
Nicht Mond noch Sterne!

Rotelse:
Nicht Strauch noch Wald!

Schwarzhilde:
Nirgends verstecken!
In allen Ecken
Hässliche Zwerge!

Minneleide:
Noch bin ich Waldes Königin!
Ein seltsam-süßer Zauberbann
Vor meiner Stirne ros’gekrönt
Auf Ries’ und Zwerge duftend weht;
Des hab ich wohl geachtet!
Sie gegen Scheu dem Wunderreif:-
Drum sollt Ihr nicht verzagen!
Schützt er die Herrin,
Schützt er euch;
Still denn! Ohn’ Furcht und Klagen!
Legt nun mir gold’ne Fesseln an!

Scharzhilde und Rotelse

Schwarzhilde:
Es glitzert das Gold in Berges Schacht
Kein Vogel doch singt, keine Blume lacht.
Gold und Steine sind kalt und schwer;
Im Berge die Herzen, die sind’s noch mehr.

Rotelse:
Es spielt die Elfe in waldigem Grund.
Nachtwund’rer hört es zur bösen Stund;
Ein Held da minnte das bräutliche Kind;
Nachtwund’rer riss es zur Tiefe geschwind.

Minneleide:
Im Walde, wie lachte der blühende Held!
Nun liegt er gar still, die Brust zerspällt!

Hier legt tröstend Schwarzhilde  die Hand auf Minneleides Schulter.

Minneleide:
Mit Perl’ und Demanten die Elfe sich schmückt,
Nie wieder in Liebe wird sie beglückt.

Minneleide macht sich los.

Minneleide:
Fort! – Ich will nicht!
Schrecklicher Zwang!
Hinaus! O könnt ich hinaus!

(Hier legt tröstend die Rotelse  die Hand auf Minneleides Schulter)

Minneleide:
O Waldesweben
So wonnig und weh!
O Wächter, Liebster,
Aus leuchtender Höh’!
Wie irrt ich so weit von Haus.

Wieder macht sie sich los. Aus dem Hintergrunde kommen die Wollust und die anderen sechs Todsünden langsam nach vorne.

Minneleide:
Mir graut im Berge!
Hallender Klang
Rollt und braust
Die Klüfte entlang.
Schwarzer Zwerge
Grim’ges Gewimmel
Naht mit dröhnendem Gang!

Minneleide benutzt die Rose um die Mutanten zu Schach zu halten.

Minneleide:
Der Herr der Berge
Reckt den Arm –
Er will mich fassen –
O schmählicher Harm!
Hilfe! Aus Schmach und Tod!
Rettung in höchster Not!

Hier kommt Siegnot etwas nach vorne. Er wird jetzt zum ersten mal von Minneleide und den Todsünden wahrgenommen.

Siegnot:
Getrost! Dich schützt die Rose rot!
Getrost, Siegnot neigt sich zu dir!

Minneleide:
Siegnot?

Minneleide läuft zu Siegnot nach links.

Minneleide:
Siegnot hier?
Der Wundrer naht –
Was tu’ ich  –
Wohin? – Siegnot –

*    *    *

2. Akt  3. Szene „Nachtwunderer macht ein Angebot…“

Siegnot, Minneleide, Schwarzhilde, Rotelse, 4 Grauweltler, Die sieben Todsünden, Moormann

Klavierauszug Seite194 Takt 12 bis Seite 226  Takt 24

Requisiten:
Wie oben
Und ein „Otellodolch“ für den Moormann.
Besonderes:
Der Zwergenchor singt von außerhalb der Bühne und ist nicht sichtbar. Grauweltler und sieben Todsünden bewegen sich zu dem Gesang, „verkörpern ihn also“ .
Pyroeffekt am Schaltkasten

Der Nachtwunderer taucht auf dem massiven mittleren Felsen auf.

Der Wunderer:
Oh-ho!

Der Nachtwunderer steigt die Leiter hinab.

Die Zwerge:
Hoho!
Seht! Wer drang in den Berg!

Der Nachtwunderer ist unten.

Der Wundrer:
Schon auferstanden?
Drückte dich Zarten
Das harte Bett?
Mochtest allein nicht liegen?
Den Zauber trieben wohl
Zärtliche Triebe
Der Taubin zu folgen
Aus luftiger Höh’?
In nächtige Bande
Blind und bang sich zu stürzen?

Die Zwerge:
Ha, ha, ha, ha!
Wir bereiten ein Bette dir
Tief und kühl
Da kannst du Hochzeit halten!

Siegnot:
Wagt ihr mir Hohn?

Minneleide:
Bleib’, Siegnot!
Schau, wie die Zähne sie fletschen!

Siegnot:
Aus dem Wege, Weib!

Siegnot stürzt sich auf den Nachwunderer, der ihn beim Kragen packt.

Wunderer:
Was trotzest du, Knabe?
Hast du dein Schwert?
Wo blieb dir Kronreif
Und Rose wert?
Wo ist die strenge Kraft,
Die uns Nächtigen Nöte schafft?

Der Nachtwunderer schubst Siegnot nach rechts, wo dieser von den zwei Schergen (Ballett) gefasst wird, und setzt sich auf die Trägheit.

Siegnot:
Wähnst du, weil göttliche Macht mir erlosch,
Dass der Mannheit Mut ich verlor?
Sieh’ dich vor!
Furchtbaren Frevel hast du vollbracht!
In schmähliche Nacht
Tauchtest du was an der Sonne gelacht:
Die Blüte vom Liebessrand,
Der Gottheit heiliges Pfand!
Verwirkt drum hast du
Leben und Reich!
Rächendem Streich
Musst du es lassen sogleich!

Wunderer:
Muss ich das wirklich?
Da so weise du,
Freundlicher Sänger,
Sag, – wer führt wohl den Streich?

Siegnot:
Ich.

Die Zwerge:
Ha, ha, ha! Ha, ha, ha!
Er!!

Der Wunderer steht auf.

Der Wunderer:
Merkt auf!
Der du waffenlos, hilflos bist,
Wie fällst du ein Reich zur Frist?

Siegnot:
Noch weiß ich’s nicht:

Die Zwerge:
Noch weiß er’s nicht!!

Siegnot:
Deiner Macht verfiel ein Weib!
Dem Golde und gleißenden Zauber
So zwangst du sie! – Doch an mir
Hast du nicht teil! Frei stieg ich hinab!
Drum hör’ und lass dir raten!
Ihre Schuld, die nehm’ ich auf mich!
Ihre Schmach, die will ich tragen! –
Wie um sie mich schmerzen viel Wunden rot
Um sie mag treffen mich der Tod!

Minneleide:
Siegnot!

Siegnot:
Schweige!
Deinem Grimm biet’ ich mich frei!
Das Weib lass ziehn!
Dem ewig blühenden Land
Bring’ sie zurück
Göttliches Minne-Pfand!
Nur so – tilgt sich die Schuld;
Nur so –
Entgingst du göttlicher Rache!

Der Nachtwunderer betätigt den an der rechten Felswand angebrachten Schalter Die in der Szene integrierten Leuchten, die vorher nur geglimmt haben strahlen voll auf. Der mittlere Felsen beginnt sich zu drehen.

Der Wunderer:
Tor! Blöder Tor!
Mich ekelt
Dein träumendes Schwatzen!
Nicht acht’ ich dein Dräun!
Liebestoller,
Wahnwitz’ger Knabe! –
Baust du auf Wasser und Weiber?
Wähnst du – ich traute der Treu’
Weich- lockiger Wasserfrau’n?

Der Marxkopf ist nun vollständig zu sehen.  Der Nachtwunderer bei Schwarzhilde und Rotelse.

Der Wunderer:
Zur Lust
Dien’ mir ihr Leib!
Dazu allein
Dünkt sie mich gut!
Ihre Weiber mit ihr,
Verfallen sind sie
Nachtwundrers Knechten
Zur Labe!

Siegnot wird nun auf einen Wink des Nachtwunderers in einen Schandkäfig gesperrt der langsam in die Höhe gezogen, sodass er vor der Nase des Marxkopfes hängen bleibt.

Die Zwerge:
Uns! Hei!

Die Waldweibchen:
Herrin! Rette uns!

Minneleide:
Liebster!

Siegnot:
Fürchtet Euch nicht!

Der Wunderer:
Narr! Weisheitshoher!
Blinder Seher du!
Held ohne Waffe, – sag’!
Wie fuhrst du
Bauend auf Weibertreu?
Die wilden Waldesfrauen,
Gingen sie frei
Aus nächtiger Not,
Hielten sie dann wohl
Vertrags-Gebot?
Trügen ins flammend-hell
Sonnige Land
Dein wundersam Wächterpfand?
Wer stürzte dich Frohen
Aus lachender Höh?
Durch wen versankst du
Zum blutgen Weh?
Was der Nächtigen Heerschar
Nicht vermocht’,
Vermocht ein Weib! –
Nun herrscht in den Bergen
Nachtwundrer allein,
Durch Weibes Verrat
Gewann er den Krieg!
Und dem Weibe sollt ich vertraun?

Die Zwerge:
Minneleide! Minneleide!
Schau’ den Helden kühn und trotzig!
Liebes-toll
Traut er dir!
Nun tröst’ ihn, Weib! Tröst’ ihn – so!

Minneleide:
O Qual! O Schmach!

Der Wunderer:
Auf Wächter! Lustig!
Hör’, was ich biete!
Littest du einmal Schmach,
Zum zweiten male magst es nun kosten!
Beim Worte fass’ ich die fest! –
Deine Wasserfraue
Steig’ an der Sterne Licht;
Dem ewig glänzenden Garten
Geb’ sie die Rose zurück! –
Auf den Fersen dicht
Doch folgt ihr ein Zwergengeleit!
Dann, Wächter, wandre
Wohin du willst! Zur Höhe entsteigst du frei
Doch merke: Bebt sie
Zagend zurück, –
Aus der zitternden Hand
Schlägt ein Zwerg ihr die Rose!
Ihre weißen Glieder
Kühlen der Nächtigen Wollust!
Mit ihr zugleich
Verfällt auch des Waldes Geschlecht!
Vom Rumpfe gehaun
Rollt dein Haupt dann dahin!
Aus dem zierlichen Schädel
Trinken dem Weibe wir Heil!

Die Zwerge:
Heil! Wund’rer Heil!
Und Heil, o Wächter, auch dir!

Die Waldweibchen:
Minneleide:
Siegnot, Siegnot!

Die Waldweibchen (Schwarzhilde und Rotelse werden vom Nachtwunderer getötet).

Der Wunderer:
Nun, Wächter?
Was hast du zu sagen?

Siegnot:
Dieses, Knecht:
Fall’ ich, nicht stürz’ ich allein!
Das Andre erfrag’
Von der Wasserfrau!
Was in der Brust ich sonst berge,
Weis’ dir die Tat!

Der Wunderer:
Sprich, schöne Fraue!
Bleibst du bei mir?
Oder steigst du zum flammenden Garten,
Wo dein Aug’ erblindet, –
Und seltsame Wunder dich schrecken?
Deines weißen Busens
Schwellende Fülle
Mit zahllosen Schätze
Wög’ ich dir auf,
Teiltest dein Bett du mit mir;
Gütlich biet ich dir das!
Doch weh’ dir, verschmähst
Den Wundrer du jetzt,
Und fällst von neuem
In seine Macht,
Vermochtest du nicht
Die sonnige Tore zu sprengen!

Minneleide:
Hilf mir, hilf mir!

Siegnot:
Was mehr von mir
Wills du noch, Weib?
Ließ ich nicht Kron’
Und Paradies,
Trug schmähliche Not und Wunden?
Folgte herab dir
Durch Nacht und Tod,
Bis ich dich, Bange, gefunden?
Was noch mehr verlangst du von mir?

Minneleide:
Ich bitt’ dich: führe du
Selbst mich hinaus!
Das Zwerggeleite, –
Mich lähmt der Graus!

Der Wunderer:
Hier bleibt er!
Bürgschaft steht er für dich!
Fehlt dir der Mut
Allein
In den flammenden Garten zu treten
Gleich trifft ihn des Beiles Schneide.

Minneleide:
Nein, nein!

Der Wunderer:
He, holla!
Schleppt mir den Bock herbei!
Das blinkene Beil
Küss’ mir den Narren im Nacken!

Der Schandkäfig mit Siegnot  wird auf einen Wink des Nachtwunderers herabgelassen.

Die Zwerge:
Im Nacken: Ho-ho!

Im Hintergrund kommt der Moormann herunter und schleicht sich vorsichtig an den Bühnenrand.

Die Wunderer:
Bitte, sieh’ doch Wächter!
Dem Liebsten zu Lieb’
Fasst wohl die Zärtliche Mut,
Vielleicht
Allein an das Licht sich zu wagen?
Den Turteltauben
Will ich das letzte,
Schwere Lebewohl ich nicht versagen.
Ich geh den Abschied ihnen bereiten.

Minneleide :
Ich kann ja nicht!
Zu Eis gerinnt mein Blut!
Wie Erz lasten die Glieder!
Nie war ich fort vom waldigen Quell!
Hier schwinden die Sinne mir!
Ach Siegnot, liebster Gesell,
Von dir – kann ich nicht gehen!

Die Zwerge :
Rabe schrie Kopf ab, Kopf ab!
Schaufelt schnelle !
Schaufelt’s Grab!

Weichen, dunkeln
Hochzeitspfühl
Breitet, wo es still und kühl.

Schaufelt schnelle,
Schaufelt’s Grab !
Rabe schreit:
Kopf ab, Kopf ab!

Der Wunderer :
He, Wächter! Was hast du errungen?

Siegnot :
Den Tod ! Hahaha!
Verloren Kron und Paradies !
Verloren, der alles ich gab und ließ –
Dahin der Sieg !
Das Licht verloschen der Welt !
Nun noch einmal! Noch einmal noch,
O Mutter, die alles erhellt,
Gib mir die heilige Kraft,
Die rächend dies Reich zerschellt !

Minneleide :
Siegnot, Siegnot!
Verlass mich nicht!

Der Wunderer :
Zum Tode schleppt ihn herbei !

Siegnot :
Mutter des Alls! Erleucht mir den Sinn!
Zu dir drängt’s mich dahin!
Ein Zeichen! O gib!

Der Schaltkasten rechts explodiert in einem Feuerblitz. Die Augen des Marx-Kopfes beginnen zu glühen und zu strahlen. Die Kreaturen sind verwirrt. Der Moormann greift sich ein Messer und schneidet dem kleinen Nachtwunderer (Puppe) die Kehle durch. Der große Nachtwunderer ist wie desorientiert und geht sinnlos im Kreis umher.

Siegnot :
Heil!
Hei Wunderer Nun wahre dein Haus !
Schufst den Welten du Not,
Nun selber stürze in Trümmer und Graus.
Deinen Tod weih ich Frau Minne zum Dank!

Allgemeiner Kampf. Siegnot, sein Schatten und der Moormann töten die 4 Grauweltler und die sieben Todsünden.

Der Wunderer :
Reißt ihn hinweg!
Waffen her ! Wehe !

Siegnot :
Hei!

Die Zwerge :
Wehe! Wehe!

Siegnot :
Sieg!

*    *    *

2. Akt  4. Szene „Nach der Schlacht“

Minneleide, Schatten, Schättin, (Moormann), (Siegnot),

Klavierauszug Seite 226 Takt 24 bis Seite 229 Takt 24 (Aktende)

Requisiten:
Wie oben

Besonderes:

Minneleide :
Ach!

Else! Schwarzhilde! Lebt ihr noch? Sagt!

Fort !

Schatten und Schättin treten auf. Und wollen Minneleide hinwegziehen.

Minneleide :

Lasst ihr mich los!

Siegnot! Wo bist du? Siegnot!

Kein Wort? Schreckliche Stille! Grausiges Dunkel!
Wo sie alle denn hin?

Siegnot! Geliebter! Wüsstest du nur,
Wie mir so weh‘ so wehe,
Antwort gäbst du wohl gleich –
Zürnst du mir noch? Ach so strafe so hart du willst,
doch sprich nur, sprich Geliebter!
Sieh‘ ich folg dir wohin du gehst –
All was du wünschest, das will ich tun!
Vor dem flammenden Garten nicht fürcht ich mich mehr,
Dein bin ich nun ganz, Geliebter!
Nur weis‘ mir, wie ich dich finde in schrecklich schweigender Nacht!

Gibst du mir ein Zeichen?
Wohl! – gehorsam folg ich!

Tot ? – Zu spät! Was tu ich? – Siegnot !
Was tu ich nun zu Lieb dir,
Zu Lieb‘ – zu Liebe?
Ach!
*    *    *

Ende des 2. Aktes

Nachspiel

2. Intermezzo

2. Intermezzo    „Der Weg nach oben“

Minneleide, Schatten, Schättin, (Siegnot), ein blinder, alter Mann

Klavierauszug: Seite 230 Takt 1 bis 233 Takt 21

Requisiten:

Besonderes:

Minneleide sitzt mit Siegnot vor dem Vorhang und weint. Schatten und Schättin sind ratlos und tanzen ein trauriges pas de deux. Ein blinder, alter Mann kommt langsam von links nach rechts und bleibt in der Mitte stehen. Jemand packt ihn und zerrt ihn hinter den Vorhang. Schatten und Schättin sehen sich an und zwingen mit großer Geste den Vorhang auf.

*    *    *

2. Akt 1. Szene    „Der Winterwächter“

Minneleide, Schatten, Schättin, (Siegnot), Drei blinde, alte Männer, 9 Grauweltler

Klavierauszug: Seite 233 Takt 22 bis 249 Takt 05

Requisiten:
Verschiedene Körperteile, Flirrende Papierschnitzel, Blindenstöcke,

Besonderes:

Wieder die Grauwelt. Auf den Stufen rechts steht der Winterwächter. Vor ihm tote Grauweltler in dichtem Gewirr übereinander. Von hinter der Bühne tönt ein dumpfer Trauergesang hervor. Flirrende Papierschnitzel helikoptern auf den Bühnenboden.

Trauerchor:
Weh’ uns! – Weh!
Weh’ uns! – Weh!
Freunde – starb!
Lenz – ist tot!
Bald kommt nun Winters Schnee!
Weh!!

Der Winterwächter stellt sich Minneleide in den Weg.

Minneleide:
Wer – bist du?
Toten und Traurigen
Wehrst du ihnen den Weg?

Der Winterwächter besieht sich Minneleide und überlegt.

Minneleide:
Todes-Schweigen
Das ist so bang und schwer!
Willst du kein Wort uns sagen?

Der Winterwächter sieht auf den Schatten und die Schättin. Er kann sie sehen.

Minneleide:
Auf! Der für uns starb,
Dess’ Blut Euch Freiden warb,
Tragt ihn zur Heimatspfort’ nun hin!

Schatten und Schättin zaudern.

Minneleide:
Fürchtet ihr euch?

Schatten und Schättin nicken.

Minneleide:
Seht, ich schreite voran!
Folget! Mit seligem Liebesbann
Zwing’ euch die Rose her!

Schatten und Schättin gehen langsam.

Minneleide:
Leb’ wohl nun Waldes Lust und Leid!
Lebwohl, du Sommer- und Winterzeit!
Euch seg’n ich, Quellen, im tiefen Tal!
Euch grüss’ ich, Gespielen, zum letzten Mal!
Nun geh’ ich dahin, wo mich Keiner wohl kennt,
Wo flammender Tag nur glüht und brennt,
Dich, Heimat, lass’ ich auf alle Zeit,
Leben und Königreicht leg’ ich beiseit’!

Zu dir, mein Held, muss ich mich wenden!
O Sehnens Qual! O Wundenpein!
Nie kann die Reu’ im Herzen enden,
In Tod senkt meine Lieb’ dich ein!
Nur Eines weiss ich noch: ein Sehnen
Drängt mich zu deiner Heimat fort;
Vielleicht, dass Qual’ heiss-bittrer Tränen
Aufschlöss geheimer Wunder Hort!
Es muss! Es muss! Du Rose mild,
Entsprossen sonnigstem Gefild,
Wahr’ deine Kraft! Rührst du ans Tor,
Zerspreng es! Siegnot liegt davor!

Minneleide:
Nicht – Land? – Noch – Licht?
Pfadlos – das – Sternenmeer?
Ich – vergeh’!

Stimmen des Gerichts:
Unendliche Klage!
Verdunkelt
Das Licht der Welt!
In fernste Fernen
Entwichen das Paradies!
Durch dich! Durch dich!

Minneleide:
Nein!! Nein!!

Stimmen des Gerichts:
Versiegt
Ein Liebesquell’!
Entweiht
Durch dich, Verfluchte!

Minneleide:
Mutter! – Mutter!
Schau’ meine Pein!
Den Weg
Wie find’ zur Sühn’ ich ein?!

Stimmen der Gnade:
Komm’ zu mir! In meiner Liebe
Ruh’ in Frieden, ruhe aus!
Sei getrost! Nichts kann dich treffen
Wo dein Heim, dein Vaterhaus!

Minneleide:
Ich komm’! Ich komm’!

Stimmen des Gerichts:
Zurück
Blutschuldbefleckte!
Verzweifle! Stirb!

Stimmen der Gnade:
In dem Abgrud meiner Liebe
Finden grösste Schmerzen Raum,
In den Weiten meiner Seele
Liegt das Sternenall, ein Traum!

Minneleide:
Siegnot, Geliebter!
Vergib, o vergib!
Im Tod nun
Leuchte dir meine Lieb!
Deiner Minne glüh’ndes Pfand,
Ich leg’s zurück in der Mutter Hand;
Dein Kronreif
Er schmücke dich wieder!

Sie krönt Siegnots Schatten. Der Winterwächter will das verhindern.

All-Mutter! Fraglos
Geb’ ich mich hin.
Mich Schmachgebroch’ne
Nimm auf! Nimm hin!

Als der Winterwächter auf den Schatten los will, stellt sich Minneleide ihm entgegen und streckt in nieder. Er tötet sie im niedersinken.

Stimmen des Gerichts:
Vollbracht! Vollbracht!

*    *    *

2. Akt 2. Szene    „Erlösungsfinale“

Minneleide, Schatten, Schättin, (Siegnot), Drei blinde, alte Männer, 9 Grauweltler, Paradiesbewohner

Klavierauszug: Seite 249 Takt 06 bis 255 Takt 20 (Ende der Oper)

Requisiten:

Besonderes:

Der Vorhang hebt sich die Paradiesbewohner kommen die Treppe hinunter. In der tiefsten Tiefe des Raumes öffnet sich eine Tür und die Imperatrix kommt langsam nach vorne.

Stimmen der Gnade:
Die Schranke sinkt! Sphäre auf Sphäre öffnet
In grenzenloser Weite sich dem Blick…
Hier ist das All. Hier ruht, im Mutterherzen,
Der we’ge Frieden und das Weltgeschick.
Mit Allgewalt zum Mutterherzen drängt es
Die Kreatur aus Tod- und Lebensmüh’n.
Hier darf sie nun, wie sie verkläret worden,
Zur Gottes-Jugend siegreich auferblüh’n.

Stimmen aus dem All:
Sieg und Heil! Zu neuen Taten
Rüstet sich der junge Tag.
Alle traumversunk’nen Herzen
Regt ein warmer, sel’ger Schlag.
Festlich leuchtet’s schon am Himmel,
Wunderpforten tun sich auf.
Minneschauer durch die Lande!
Nimmer schliesst der Wonnen Lauf.
Über alle Welt erhab’ne
Ew’ge klare Frühlingskraft!
Erd’ und Himmel, Tod und Leben
Ruh’n in deiner blüh’nden Haft.

Schatten und Schättin tanzen zusammen wie Ginger und Fred in „Top Hat“ und verharren in seliger Umarmung.

ENDE der Oper

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s