Der neue Merker // Renate Wagner // PFITZNER ALS „SOUNDTRACK“ ODER KARL MARX IN DER UNTERWELT

Der neue Merker // Renate Wagner // PFITZNER ALS „SOUNDTRACK“ ODER KARL MARX IN DER UNTERWELT

CHEMNITZ / Theater:
DIE ROSE VOM LIEBESGARTEN von Hans Pfitzner
Premiere: 29. November 2008,
besuchte Vorstellung am Ostersonntag, 12.April 2009
PFITZNER ALS „SOUNDTRACK“ ODER KARL MARX IN DER UNTERWELT
Das Werk ist so extrem selten auf den Spielplänen zu finden, dass Interessenten sogar den Weg bis Chemnitz nicht scheuten, um am dortigen Theater Hans Pfitzners „Die Rose vom Liebesgarten“ zu sehen. (Die Stadt hat zwar glücklicherweise den Namen „Karl-Marx-Stadt“ wieder abgelegt, sein monumentaler Kopf blieb dem Stadtbild jedoch erhalten, was hier nicht ohne Grund erwähnt wird…)
Diese „Rose“, 1901 als Werk des 32jährigen Komponisten uraufgeführt, wieder nach einem Libretto des Jugendfreunds James Grun (wie schon sein Erstlingswerk „Der arme Heinrich“), hatte ihren wahren Erfolg erst 1905 an der Wiener Hofoper unter Gustav Mahler, der sich über die Musik mit einer wohl etwas übertriebenen Überschwänglichkeit äußerte („Seit der Walküre, erster Akt, ist etwas ähnlich Großartiges nicht geschrieben worden!“). Da könnte man mit der Flapsigkeit, die man dem Regieteam der Chemnitzer „Rose“ verdankt, sagen: „Na, bleib einmal auf dem Teppich!“
Doch der Ruhm der Musik hat sich gehalten, und nicht zu Unrecht: Sie ist durchgehend vollsatt, meist prachtvoll, doch die Klangseligkeit geht mit großem Stimmungsreichtum Hand in Hand und erreicht in den Chören und im Einsatz des Blechs außerordentliche Effekte. So blieb die Neugierde auf das Werk bei Opernfreunden virulent, und Teile des Publikums, die wegen dieser Musik ins Opernhaus Chemnitz gekommen waren, äußerten schon zwischen Vorspiel und erstem Akt, die ohne Unterbrechung ineinander übergehen, lautstarke Empörung zwischen „Schade um die schöne Musik!“ und „Armer Pfitzner!“
Die solcherart gescholtene Aufführung muss allerdings mit einer schwierigen Handlung umgehen, die diese „typische Jugendstil-Oper“, wie man sie richtig bezeichnet (die Welt eines Maeterlinck lässt grüßen), Zuschauern und Interpreten zumutet. Die Geschichte ist so seltsam, wie man sie nur wünschen kann, wenn auch klar ist, wer hier als geistiger Vater nicht nur über der Musik, sondern auch über dem Text waltet: Richard Wagner lässt, verfremdet, grüßen. Dass es eine „helle“ Welt gibt und einen dunklen Gegenpol (dem ein wahrer Klingsor vorsteht), ist ebenso bewusst assoziativ (man genierte sich damals nicht, ein Wagnerianer zu sein) wie die gewählten Namen: Der Held heißt – nein, nicht Siegmund, sondern Siegnot, die Heldin ist – nein, nicht Herzeleide, sondern Minneleide, und nicht nur ihre Interpretin wird (wie man im Programmheft nachlesen kann) bei den stimmlichen Anforderungen dieser Figur an Sieglinde erinnert (abgesehen davon, dass sie wie weiland Kundry von der hier Lulu-artigen Verführerin zum Edelmenschen reift). Wenn man meint, die „Rose“ sei ein Wagner-Zitat aus dem Geist der Jahrhundertwende, liegt man wohl nicht so falsch. Als der Vorhang zur Pause nach zwei Stunden fiel (so lange wie der erste Akt „Götterdämmerung“) und man erst nach dreieinhalb Stunden entwanken durfte – alles Wagner, auch die Länge.
Die Liebesgeschichte des so wagnerischen Paares also ist in ein so kompliziertes Handlungsgeflecht eingebettet, dass Regisseur Jürgen R. Weber, dem Fernsehen übrigens sehr verbunden, gar nicht erst versucht hat, aus dieser schimmernd-verqueren Romantik einen szenisch und optisch assoziierbaren, gangbaren Weg zu finden, der eine Auseinandersetzung mit Pfitzner dargestellt hätte. Er entschied sich konsequent für eines: Veräppelung. Im Theater liegen Werbetexte für die einzelnen Produktionen auf. Da kann man zur „Rose“ lesen, dass es sich um ein „hintergründiges Fantasy-Abenteuer“ handle, zu dem Pfitzners Musik den „passenden Soundtrack“ liefere. Damit disqualifiziert sich der Regisseur selbst. Denn dieses billige Ausweichen in den Zeitgeist, wo man dann mit Laserkanonen wie aus den „Star Wars“-Filmen herumfuchtelt, holt sicherlich keine „Jugend“ ins Haus – aber sie bringt vor allem für das Werk nichts (und das wäre doch die vordringlichste Aufgabe einer Interpretation). Den Begriff „Mutant“ beispielsweise, der dem Publikum entgegengeschleudert wird, hat Pfitzner sicher nie gehört – was machen die „X-Men“ im Liebesgarten?
So schmerzen Inszenierung und Ausstattung (Weber selbst schuf das Bühnenbild, Sven Bindseil die Kostüme) durch flapsige Geschmacklosigkeit. Der hier natürlich negativ besetzte „Liebesgarten“ wird zu einem Chaos aus mittelalterlichen und orientalischen Elementen, aus denen Schläuche ragen. Minneleide tritt zuerst – sie ist schließlich die Verführerin – im „Madonna“-Look auf. Besonders originell ist der Regisseur mit dem Eingang zur Unterwelt verfahren, die nämlich im ersten Akt durch eine gewaltige, in der Mitte der Bühne aufgestellte Klomuschel erreicht werden kann. Wem sich da nicht die Idee „Alles Scheiße, deine Ella“ aufdrängt, der hat die Inszenierung wohl nicht richtig verstanden…
Inmitten von Bühnenbildern, die nur im zweiten Akt (in der durchaus nicht Offenbach’schen Unterwelt) eine brauchbar-mögliche Dimension erreichen, setzt der Regisseur als Ausstatter hier eine sozusagen „Chemnitzer“ Pointe: Als sich ein Riesenstein in der Mitte der Bühne plötzlich dreht, erweist er sich als Abbild des Karl-Marx-Kopfes, der die Stadt ziert (verunziert?). Na so was! um im Stil des Regisseurs zu formulieren.
Denn dieser hatte grundsätzlich eine halbwegs vernünftige Idee, die er allerdings doch wieder nur zu parodistischen Zwecken verwendete: Links und rechts der Bühne erscheinen auf Riesentransparenten zwar nicht der Text des Werks (dieser bleibt auch akustisch zutiefst unverständlich), sondern einigermaßen die Beschreibung dessen, was auf der Bühne vorgeht. (Die Inszenierung macht es nämlich nicht klar – falls dies, wie man ehrlicherweise hinzufügen muss, überhaupt möglich wäre…). Aber nicht die Information scheint Weber wichtig, sondern der Kommentar dazu, der auch schon mal „Laber, laber, gähn!“ lauten kann.
Was sollen Sänger inmitten solch einer Inszenierung tun? Sie exekutieren die ihnen auferlegten Albernheiten und singen sich die Seele aus dem Leib, was zumindest bei dem Heldentenor Erin Caves zu einem höchst positiven Ergebnis führt: Siegnot à la Siegmund geschmettert, aber auch in den lyrischen Passagen stark, das hilft dem Publikum, sich mit einer Figur auseinander zu setzen, die hier als putzender „Hausmeister“ beginnt und zum Helden mit der Laserkanone wird (dort steckt die Rose statt im Herzen…). Neben ihm haben noch der „Nachtwunderer“ als Fürst der Unterwelt (der Finne Kouta Räsänen mit eher trockenem Bass), der Moormann (André Riemer) und der Sangesmeister (Andreas Kindschuh) größere Rollen.
Minneleide wird von Astrid Weber, der attraktiven Hochdramatischen des Hauses, gesungen, die allerdings die Anstrengung, die sie die Rolle kostet, mit einem gerüttelten Maß an Schrille und Schärfe kundtut. Die zwei sie begleitenden Elfen, hier „Zwölfer“ genannt – Regieeinfall: Die Damen müssen meist Daumenlutschen! -, liegen in den Kehlen von Susanne Thielemann (hell) und Tiina Penttinen (dünkler).
Gedanklich nicht wirklich auflösbar, aber von einiger poetischer Kraft ist die Figur des „Schattens“, dem – da das Element der Doppelwesen immer wiederkehrt – eine „Schättin“ beigegeben ist. Der hinreißend schöne und elegante Felipe Rocha dominiert die reichlich eingelegten Tanzszenen (Choreografie: Lode Devos).
Am Pult des Abends stand der Ungar Domonkos Héja, der mit sichtlicher Begeisterung den reichen Schattierungen der Partitur nachforschte und solcherart zumindest auf musikalischem Gebiet zu einer Wiederentdeckung der „Rose“ beitrug, die die alberne Szene komplett schuldig blieb. Denn die Aussage, dass es sich hier um ein lächerliches Werk handelt, nur des kabaretthaften Umgangs wert, kann wohl kaum befriedigen…
Da sich bei einer Repertoirevorstellung kein Regisseur zeigt, auf den sich der Unmut des Publikums entladen konnte, gab es höflichen, aber keinesfalls enthusiastischen Applaus für die Interpreten. Nach der Pause war der Zuschauerraum ausgedünnt, und noch am nächsten Morgen wogte im Hotel an der Oper die Empörung der Zuschauer lautstark von Frühstückstisch zu Frühstückstisch…
Renate Wagner
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s