Der neue Merker // Dirk Altenaer

Der neue Merker // Dirk Altenaer

Meister und Meister-Epigone: „Osterfestspiele“ der Oper Chemnitz: Richard Wagner: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER (10.4.2009) & TRISTAN UND ISOLDE (11.4.2009) / Hans Pfitzner: DIE ROSE VOM LIEBESGARTEN (12.4.2009)

Von einem kleinen heimlichen Osterfestival sprach Dramaturg Andreas Beuermann nicht ohne Stolz anläßlich der Einführung zur Aufführung von Pfitzners „Rose vom Liebesgarten“ am Ostersonntag in der Chemnitzer Oper. Man muß ihm Recht geben, angesichts der sonst von der „Krise“ gebeutelten Kultursituation ist es schon erstaunlich,  was dieses doch recht kleine Haus am Tor zum Erzgebirge in den drei Tagen zwischen Karfreitag und Ostersonntag auf die Beine stellte; bei musikalisch und teilweise auch szenisch mehr als achtbarem Niveau.

Fast als Vorbereitung auf die Pfitzner Rarität gab es am Karfreitag eine umjubelte Wiederaufnahme des „Fliegenden Holländer“ in einer Produktion aus dem Jahre 2001 und Karsamstag einen nicht minder festlichen „Tristan“. Interessant war, diese Werke vor Pfitzner zu hören, was die Ohren schärfte auf des Meisters größten Epigonen im positivsten Sinne.

Musikalisch überstrahlte somit auch die selten gespielte „Rose“ fast die beiden Wagner-Aufführungen. Domonkos Heja zauberte denn auch den spätromantischen Impressionismus mit den phantastisch aufspielenden Robert-SchumannPhilharmonikern aus der Partitur, die Gustav Mahler dereinst für das beste nach dem ersten Walküren-Akt hielt. Pfitzners zweite Oper zeigt den glühenden Wagner-Verehrer und Erzromantiker auf der Höhe seiner Instrumentier- und Kompositionskunst, vielleicht nur übertroffen vom „Palestrina“ und der „Eichendorff-Kantate“. Diese erklingt in Ansätzen beim heroischen alles überstrahlenden Chorfinale und die von Mary Adelyn Kauffmann aufs sorgsamte einstudierten Chöre (Chor und Kinderchor) der Oper Chemnitz taten alles dazu, den strahlendsten Eindruck zu hinterlassen.

Bis auf den etwas bläßlichen und an Baßgewalt missen lassenden Kouta Räsänen als Waffenmeister und Nacht-Wunderer hat die Oper Chemnitz ein Ensemble aufgeboten, das sich mit Feuereifer um diese Rarität mühte. Erin Caves ist geradezu eine Idealbestzung des Siegnot, ein schlanker jugendlicher Heldentenor, dem es mühelos gelingt, jede der nicht mindergesäten Klippen seiner Partie zu meistern und dabei in jeder Phrase sein berückend schönes Timbre blühen lässt. Auch die Minneleide könnte heute wohl kaum trefflicher besetzt werden als mit Astrid Weber. Ihr eher schlank geführter dramatischer Sopran kommt ohne jegliche Heroinenattitüde aus, obschon sie genügend Aplomb für den äußerst dramatischen Schlußmonolog bereit hält. Ob im girrenden Lockruf, mit dem sie Siegnot zu betören sucht, oder in den chromatischen Zuspitzungen in den Auseinandersetzungen mit ihrem Entführer, dem Nacht-Wunderer, trifft sie den rechten Ton. Andre Riemer als Mime-Paraphrase gezeichneter Moormann und die homogen besetzten Elfenschwestern Schwarzhilde (Susanne Thielemann) und Rotelse (Tiina Penttinen) runden das hochkarätige Ensemble ab. Opernfreunde dürfen mit Spannung den von der Firma cpo angekündigten Mitschnitt dieser Produktion erwarten.

Wahrscheinlich wäre eine konzertante Aufführung einer Begegnung mit diesem selten gespielten Werk weitaus dienlicher gewesen als die szenische Umsetzung, die man der „Rose“ in Chemnitz angediehen ließ. Zugegeben, James Gruns recht floreales und sehr dem Geschmack seiner Zeit verhaftetes Libretto seines von ihm und Pfitzner entwickelten Kunstmärchens gehört sicherlich nicht zu den literarischen Großtaten dieser Epoche, aber bevor man seinen eigenen Sermon über diese Handlung stülpt, sollte man wenigstens eine genaue Lektüre in Betracht ziehen und vielleicht erwägen, das Werk als solches ernstzunehmen. Jürgen R. Weber mag ein verdienter TV-Regisseur von Soap-Opern à la „Gute Zeiten – schlechte Zeiten“ sein, doch begann er den fatalen Trugschluß: Inszeniere ich „Soap-Opern“, so kann ich mich auch auf die zweite Hälfte dieser verbalen Neuschöpfung berufen und mich bemüßigt fühlen, Oper zu „machen“. In gewollt plakativ provokativer Alt-„68er“-Manier veralberte Weber das Werk mit flapsigem Fäkal- und Sexualhumor zu einem Trash-Comic-Computer-Game. Wie ließ er auf seinen wohl Neuenfels evozieren wollenden Übertitelkommentaren einmal verlauten: „Laber-Laber-Gähn!“ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, außer, dass man das Ganze schleunigst in den von ihm für den ersten Akt gebauten Abort hinunterspült.

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Ein Gedanke zu “Der neue Merker // Dirk Altenaer

  1. Sehr geehrte Damen und Herren!
    Können Sie mir sagen, ob es bei cpo überhaupt zu einer CD Aufnahme von Ihrer Aufführung Der Rose vom Liebesgarten gibt, bzw. wann sie zu erwerben ist.
    Vielen Dank
    Ihr Dr. Jörg-Ulrich Fechner, Etzelstrasse 31, CH-8038 Zürich

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