„Die Rose vom Liebesgarten“ am Theater Chemnitz // Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.12.2008 von Gerhard Rohde

„Die Rose vom Liebesgarten“ am Theater Chemnitz // Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.12.2008 von Gerhard Rohde

Eine Oper wehrt sich gegen den Kulturabbau
Proteste gegen die städtische Politik und Hans Pfitzners „Die Rose vom Liebesgarten“ am Theater Chemnitz
(von Gerhard Rohde, Frankfurter Allgemeine Zeitung  17.12.2008)

Ein Wort zuvor: In einer großen Kritikerumfrage vor drei Jahren wurde das „Deutsche Stadttheater“ in seiner Gesamtheit zum „Opernhaus des Jahres“ gewählt. Es war eine gute und richtige Entscheidung. An den Stadttheatern trifft man mehr als an den großen „Operntankern“ auf Neugier, Risikobereitschaft, den Mut zum Experiment sowie zum Ausgraben und Überprüfen erfolgreicher Operntitel von einst.
Dass das musikalische und sängerische Niveau an den Stadttheatern dabei in der Regel bemerkenswert hoch ist, bedarf keiner ausführlichen Erwähnung mehr. Ein solches Stadttheater findet sich auch in Chemnitz. Immer wenn eine Kommune in finanzielle Schwierigkeiten gerät, werfen die Stadtpolitiker den ersten Blick bevorzugt auf die sogenannte „Kultur“, und da ein personalintensives Theater samt Orchester, Chor und Ballett meist den größten Posten im Etat ausmacht, soll dort am heftigsten gespart werden. Dass ein Theater aber eben wegen der vielen Arbeitsplätze nur bedingt billiger zu haben ist, bringen Etatkürzungen das ganze „System Theater“ zum Einsturz.
In Chemnitz wehrt sich das Theater gegen eine solche Politik mit Aufrufen vor den Vorstellungen, mit Demonstrationen auf dem Opernplatz und der Bitte an das Publikum, sich direkt an verantwortliche Stadtpolitiker zu wenden. Zu diesem Zweck werden die amtlichen Adressen der Rathausfraktionen und ihrer Mitglieder auf einem Prospekt verteilt. Ob es was nützt, bleibt abzuwarten. Jetzt zur Kunst: Die Aufführungsgeschichte des Chemnitzer Theaters enthält auch eine Inszenierung von Hans Pfitzners romantischer Oper „Die Rose vom Liebesgarten“ im Jahr 1937. Wenn das Werk jetzt wieder auf dem Spielplan der Chemnitzer Oper erscheint, pflegt man sozusagen die eigene Tradition, die allerdings mehr als sieben Jahrzehnte zurückliegt, zu einer Zeit, deren politische und menschliche Verwerfungen auch den Komponisten Pfitzner in eine mehr als fragwürdige geistige Nähe gerückt haben.
Die Pfitzner-Diskussionen leben bei jeder neuen Aufführung seiner Werke, vor allem der Opern, unverändert auf. So hat auch die Wiederaufführung der „Rose vom Liebesgarten“ vor zehn Jahren in Zürich für entsprechende Kritiken gesorgt, obwohl doch das Werk schon 1901 uraufgeführt und anschließend viel nachgespielt wurde. Die Handlung auf ein Libretto des Engländers und Jugendfreundes James Grun verleitet natürlich zu retrospektiven Kommentaren: ein helles Licht-Reich wird von dunklen Mächten der Unterwelt bedroht, ein hehrer Ritter, zum Wächter des strahlenden Liebesgartens bestellt, verfällt einer Elfenkönigin. Er will sie befreien, gerät in Todesgefahren, reißt wie Samson den unterirdischen Tempel ein und wird dabei ebenso wie die Bösewichter unter den Trümmern begraben. Am Ende aber erfahren die Liebenden vom Sternenthron höchste Gnade: Sie werden aus Tod und Verdammnis zum Licht erweckt. Und bei allem hilft die Rote Rose vom Liebesgarten, eine Art Tamino-Zauberflöte, ein magischer Blumen-Lichtstab, der Ritter und Elfenkönigin auf ihren verschlungenen Wegen begleitet.
James Grun und Pfitzner wurden für ihre Oper von Bildfolgen des Malers Hans Thoma inspiriert, und diese Anregung gab dem Werk auch die dramaturgische Struktur: Die Handlung verläuft weniger lineardramatisch, sondern in bildhaften Tableaus, eingeteilt in zwei Akte sowie mit Vor- und Nachspiel. Diese Freizügigkeit der szenischen Anordnung gibt zugleich der Musik die entsprechenden Freiräume. Natürlich assoziiert sie, oberflächlich gehört, vieles von Wagner, Liedhaftes führt zu quasi leitmotivischen Techniken. Dann aber dringen dissonante Reibungen in die Musik ein, Klangfarben-Register lassen an Mahler denken, man findet Spaltklänge und akzentuierte Kontrapunktik, und immer wieder leuchtende Orchesterfarben, die Gustav Mahlers Ausruf verständlich werden lassen: „Seit der Walküre, erster Akt, ist etwas ähnlich Großartiges nicht geschrieben worden!“
Die Chemnitzer Neuinszenierung von Jürgen R. Weber (Regie und Bühne) begegnet dem Werk mit dem spürbaren Ernst zur intelligenten Persiflage. Ein Hauch von Fantasy-Spaß liegt über allem. Der Karl-Marx-Kopf, der in Chemnitz unverändert martialisch auf einem Platz thront, findet sich auf der Bühne inmitten einer wüsten Wolfsschlucht-Szenerie wieder. Das mittelalterliche Märchen im romantischen Märchengewand wird dabei durchaus anschaulich erzählt, was theatralische Pointierungen nicht ausschließt. Einiges wirkt ein wenig billig, wie der Eingang zur Unterwelt in Form eines riesigen Klo-Beckens. Manche Szenen erinnern auch an komische Ritterspiele im Freilichttheater, anderes, wie die Begleitung der zentralen Figuren durch zwei Schatten-Tänzer verleiht der Geschichte romantische Poesie. Könnte man die ziemlich verwickelte, auch verquaste Geschichte anders inszenieren? Vielleicht indem man eine stringente ästhetische Linie verfolgte, die sich aus den Hell-Dunkel-Kontrastierungen in der Malerei ableiten ließen – analog zu den Bildvorlagen des Librettos.
Ohne Einschränkungen gelang die musikalische Seite der Aufführung. Domonkos Héja entfaltete mit der Robert-Schumann-Philharmonie sensibel den Perspektivreichtum der Partitur. Chor und Kinderchor waren von Mary Adelyn Kauffman sorgfältig einstudiert, Lode Devos entwickelte eine ansprechende, auf Dauer leicht monochrom wirkende Choreographie. In den Hauptpartien überzeugten Erin Caves als Ritter, Astrid Weber als Elfenkönigin sowie als Nachtgestalten Kouta Räsänen und André Riemer. Insgesamt eine geschlossene Ensembleleistung, die der Chemnitzer Oper ein hervorragendes Zeugnis ausstellt. In der gegenwärtigen Situation des Hauses ein gutes Argument wider die Kulturpolitik der Stadt Chemnitz.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s